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Philosophie und Kulturwissenschaften im deutsch-russischen Ideentransfer der 1920er Jahre

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  I. Informationen => Projektbeschreibung => Aufgaben und Ziele

 
    
 
        
 
        
 
        
 
        
 
    
 
    
 
    
 
        
 
        
 
        
 
        
 
        
 
        
 
    
 


 

1. Allgemeines

Das Forschungsprojekt hat zum Hauptziel, die Bedeutung der Staatlichen Akademie für Kunstwissenschaften (GAChN) in der Geschichte des deutsch-russischen Ideentransfers zu erschließen und den theoretischen Ertrag dieses Transfers zu rekonstruieren. Damit ist nicht beabsichtigt, die Geschichte der GAChN im vollen Umfang ihrer Wirkungen zu untersuchen, die auch die künstlerische Praxis sowie musikhistorische, museologische, bibliologische u.ä. Komponenten umfassen. Vielmehr soll im Rahmen des Forschungsprojekts die Rolle der Philosophie und der Theorie der Kulturwissenschaften als eines Reflexionsmediums untersucht werden, das die Grundbegriffe für die Zusammenarbeit von Kulturforschung, Kunstpraxis und Kulturpolitik konzipiert.

Diese Rolle der Philosophie lässt sich am prägnantesten an den Forschungen G. Špets und seines Kreises im Rahmen der philosophischen Abteilung der GAChN exemplifizieren. Im Mittelpunkt dieser theoretischen Bemühungen steht nämlich das Konzept einer ‚Ontologie der Kultur', die die Kultur als Zusammenhang zeichenvermittelter Sinnobjektivationen interpretiert. Der Begriff des ‚Zeichens', der als Rekonstruktion der primären operativen Erfahrungen des Menschen gewonnen wird, fungiert in diesem Ansatz als eine Grundlage, auf der die Begrifflichkeit der Wissenschaften vom Menschen und der Gesellschaft aufgebaut wird. Somit bildet der Zusammenhang von Sprache (Sprachzeichen), menschlichem Handeln (operative Zweck-Mittel-Relationen) und Kommunikation (Mitteilung) den konzeptuellen Rahmen, in dem eine Neubestimmung der Kulturwissenschaften sowie ihrer Zusammenarbeit mit der Psychologie und den Naturwissenschaften vorgenommen wird. Dieser Rahmen wird in den Diskussionen des Špet-Kreises an der GAChN präzisiert und für die konkrete kulturwissenschaftliche Forschung fruchtbar gemacht.

Die philosophischen und kulturtheoretischen Debatten an der GAChN erweisen sich aufgrund ihrer inhaltlichen und methodischen Ausrichtung als kongenial zu den Diskussionen, die im Deutschland der Zwischenkriegszeit im Umfeld der Phänomenologie (M. Heidegger), der Lebensphilosophie (G. Misch und Dilthey-Schule) und der philosophischen Anthropologie (M. Scheler und H. Plessner) um die Bestimmung der lebensweltlichen Fundamente des Wissens geführt werden. Hier werden ebenfalls Positionen einer pragmatistisch orientierten Sprachphilosophie, die die Sprache und das menschliche Handeln als Ausgangspunkt für die Wissensbegründung nehmen, entwickelt. Daher kann man hinsichtlich dieser Diskussionen von einem gemeinsamen Problemzusammenhang sprechen, der in Deutschland und Russland auf unterschiedliche Weise weiterentwickelt wird. Allerdings fanden diese Diskussionen zu Beginn der 1930er Jahre ein abruptes Ende, bedingt durch die Installation der NS-Diktatur in Deutschland, die viele Protagonisten der damaligen Diskussion zur Emigration zwang, sowie durch den Beginn des stalinistischen Terrors in Russland, dem führende Intellektuelle des Landes darunter auch Gustav Špet zum Opfer fielen.

Diese Ansätze sind im europäischen Maßstab von Bedeutung, da sie die Funktion der Kulturwissenschaften in der modernen Gesellschaft auf produktive Weise zum Thema der philosophischen Reflexion machen.

 

2. Rekonstruktion der hermeneutischen Kulturphilosophie G. Špets

Im Zentrum dieser Zielsetzung steht die Rekonstruktion und systematische Auseinandersetzung mit Gustav Špets hermeneutisch-semiotischer Grundlegung der Kultur- und Sozialwissenschaften, so wie sie aus den in neuerer Zeit zugänglich gewordenen Quellen erschließbar ist. Kernstück dieser Grundlegung bildet eine ‚Ontologie der Kultur', die die primäre Gegenstandserfahrung des Menschen in seiner kulturellen Umwelt thematisiert. Anstatt diese Erfahrung an der Dingwahrnehmung auszurichten, wie dies die neuzeitliche Philosophie bis einschließlich Husserl getan hat, begreift Špet sie als operativen Umgang mit den Dingen in einer sozialen Welt. Die Dinge treten daher primär als Zeichen für Zweck-Mittel-Relationen in Erscheinung. Ihnen kommt die Seinsweise zu, Objektivationen eines sozial konstituierten Sinnes zu sein. Das Verstehen der Zeichen bildet somit den primären Vorgang der Gegenstandskonstitution. Die Welt erschließt sich dem Menschen in operativen und kommunikativen Vorgängen, in denen er ‚die Sprache der Dinge' zu verstehen lernt.

Im Rahmen des beantragten Forschungsprojekts ist einerseits zu klären, auf welche Weise die von Špet entworfene Ontologie der Kultur Schlüsselprobleme des phänomenologisch-hermeneutischen Ansatzes Husserls und Diltheys auflöst, die die Aspekte der Selbstkonstitution des erkennenden Bewusstseins betreffen. Dies sind in erster Linie Probleme, die mit einer konsistenten Auffassung von Subjektivität und Personalität verbunden sind, die sich einer objektivierenden Betrachtung als Sinnobjektivationen entziehen.

Andererseits ist zu klären, auf welche Weise Špet seine Ontologie der Kultur als Grundlegung der Kulturwissenschaften ausarbeitet. Aus den neueren Quellen ist ersichtlich, dass sich Špet vor und während seiner Tätigkeit an der GAChN intensiv mit den wissenschaftstheoretischen Fragen der Kulturwissenschaften beschäftigt hat. Dabei entwickelt er seine eigene wissenschaftstheoretische Position in Auseinandersetzung mit den Konzeptionen H. Rickerts, W. Diltheys, W. Wundts und anderer Theoretiker der Kulturwissenschaften. Vor allem auf dem Gebiet der Literatur-, Geschichts-, Kunst-, Theater- und Sprachwissenschaft sowie der Sozialpsychologie und Soziologie versucht er, seine semiotische Kulturtheorie zu operationalisieren. Hierzu arbeitet er (insbesondere in Auseinandersetzung mit dem Strukturbegriff W. Diltheys) Konzepte der ‚Struktur' und der ‚Organisation' aus, die als operative Begriffe für die Erforschung des Geflechts von Zweck-Mittel-Relationen in der sozialen Welt fungieren. Die spezifischen Aspekte der Struktur kultureller Gegenstände werden von ihm als Grundlagen für die Konstitution einzelner kulturwissenschaftlicher Disziplinen aufgefasst. In diesem Zusammenhang ist die Frage zu klären, wie diese von Špet entworfenen wissenschaftstheoretischen Konzepte als Grundlage der einzelwissenschaftlichen Forschung sowie der Zusammenarbeit kulturwissenschaftlichen Disziplinen fruchtbar gemacht werden.

Exemplarische Bedeutung kommt in dieser Hinsicht Špets Überlegungen zu den ontologischen und methodischen Grundlagen der Wissenschaften von der Kunst zu, die den Schwerpunkt seiner theoretischen Arbeit sowie seiner institutionellen Initiativen an der GAChN ausmachen. Dabei bildet seine Auseinandersetzung mit den Konzeptionen einer ‚allgemeinen Kunstwissenschaft' die zentrale Rolle. Diese Konzeptionen finden in Deutschland in der Zwischenkriegszeit ein bedeutendes Diskussionsforum in Gestalt der ‚Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft', an der Max Dessoir, Emil Utitz, Erwin Panofsky und andere Kunstwissenschaftler mitwirken. Zur Schlüsselfrage dieser Diskussionen wird die Möglichkeit einer selbständigen Wissenschaft von Kunst, die sich unabhängig von der Geschichtswissenschaft, Soziologie und Psychologie etablieren kann. Diese Frage impliziert in ihrer letzten Konsequenz die Entscheidung, ob ein autonomes Kunstphänomen in den Blick der Erkenntnis genommen werden kann, ohne daß es in den geschichtlichen, sozialen oder psychologischen Zusammenhängen aufgelöst würde. Für die Vertreter einer ‚allgemeinen Kunstwissenschaft' konnte dieses autonome Kunstphänomen nur im Rahmen einer ‚Philosophie der Kunst' bzw. Ästhetik konstituiert werden.

Špet greift in diese Diskussion ein, indem er an der GAChN die Debatte über die Möglichkeit einer theoretischen Kunstwissenschaft, die weder mit der Kunstgeschichte noch mit der Philosophie der Kunst identisch wäre, in Gang bringt. Sein Anliegen macht er in dem Unternehmen geltend, eine eigenständige theoretische Sprache der Kunstwissenschaft auszuarbeiten. Für diesen Zweck wurde das Lexikon der Kunstterminologie konzipiert, das Špet zusammen mit dem Kreis seiner Mitarbeiter an der GAChN vorbereitete. Eine systematische Auswertung dieses Beitrags vor dem Hintergrund der deutschen Diskussionen um eine ‚allgemeine Kunstwissenschaft' verspricht Auskunft über den philosophischen und wissenschaftstheoretischen Rahmen, den Špet als Bedingung für eine Integration der kulturwissenschaftlichen Forschung konzipiert.

 

3. Erschließung und systematische Aufarbeitung der wissenschaftstheoretischen Ansätze des Špet-Kreises

Der Beitrag der Mitglieder des Špet-Kreises, zu dem Literatur-, Kunst-, Sprachwissenschaftler und Philosophen wie Grigorij Vinokur, Maksim Königsberg, Boris Gornung, Vassilij Zubov, Nikolaj Žinkin, Nikolaj Volkov, Aleksander Achmanov und Aleksej Cires gehörten, zum deutsch-russischen Ideentransfer besteht vordringlich in der Diskussion und Weiterführung des hermeneutisch-semiotischen Ansatzes G. Špets.

Dabei werden dessen einzelne Aspekte einer detaillierten Analyse unterzogen, aus der sich unterschiedliche Nuancierungen der gesamten Konzeption einer Ontologie der Kultur ergeben. So betont N. Žinkin die operative Erfahrung bei der Dingkonstitution, woraus er eine in Richtung des Pragmatismus und der pragmatischen Sprachphilosophie weisende Auffassung der Erkenntnis entwickelt: Wir erfassen die Realität der Dinge und verstehen ihren Sinn nur im praktischen Gebrauch und der kommunikativen Verständigung über diesen Gebrauch. N. Volkov unterzieht im Rahmen seiner Ausarbeitungen zur Theorie des Urteils den Begriff des Sinns einer eingehenden Analyse, wobei er speziell nicht den ‚intendierten Sinn' einer Aussage, sondern das Sinnereignis in der menschlichen Rede in den Blick nimmt. Eine systematische Untersuchung dieser Ansätze vor dem Hintergrund der phänomenologischen Diskussionen um eine philosophische Fundierung der Logik bzw. der Urteilstheorie könnte zur Rekonstruktion des breiten Forschungsfeldes beitragen, in dem in den 1920er Jahren in Deutschland und Russland die Ausarbeitung innovativer philosophischer Positionen stattgefunden hat.

Darüber hinaus sollen die selbständigen Ausarbeitungen der Mitglieder des Špet-Kreises auf dem Gebiet einer Theorie der Kulturwissenschaften untersucht werden, die einen bislang nicht erforschten Beitrag zum deutsch-russischen Ideentransfer darstellen. Diese Ausarbeitungen betreffen sowohl die wissenschaftstheoretischen Anwendungen der hermeneutisch-semiotischen Konzeption des Verstehens auf die Praxis der kulturwissenschaftlichen Forschung, als auch die theoretischen Grundlagen einzelner Kulturwissenschaften. In dieser Hinsicht sind Beiträge von V. Zubov zur Ausarbeitung eines philosophischen Rahmens der Wissenschaftsgeschichte und zur Analyse der Genese wissenschaftlicher Terminologien sowie Beiträge von Žinkin, Gabričevskij, Achmanov u.a. zur Ausarbeitung einer Theorie und der Grundbegrifflichkeit der Kunstwissenschaft von Bedeutung.

Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang die Ausarbeitungen von G. Vinokur zu einer hermeneutischen Theorie der Literaturwissenschaft und Kulturgeschichte. Sie konzentrieren sich auf das hermeneutische Problem der Auffassung von Individualität sowie der Sinnkonstruktion des Individuellen in der Biographie. In Auseinandersetzung mit den Konzeptionen W. Diltheys, E. Sprangers und Th. Litts entwickelt Vinokur eine wissenschaftliche Auffassung der Biographie, die diese nicht im individuellen Erlebnis verankert, sondern als individuierte Erscheinung des kulturellen Sinns begreift. Das Individuelle wird somit als ‚innere Form' bzw. ‚Struktur' einer kulturellen Biographie des Individuums verstanden.

 

4. Untersuchung der Geschichte der GAChN als Forum einer philosophischen Diskussion um die Neubestimmung der Kulturwissenschaften

Einen weiteren Bestandteil des beantragten Forschungsprojekts macht die Rekonstruktion der institutionellen Geschichte der GAChN unter dem Aspekt der Diskussion und der Umsetzung der philosophischen Konzepte Špets und seines Kreises in der Praxis und Organisation kulturwissenschaftlicher Forschung aus. Durch Erschließung und Auswertung der Sitzungs- und Diskussionsprotokolle der GAChN (anhand von Archivmaterialien), vor allem ihrer philosophischen Abteilung, sollen die Konturen des Forschungsfeldes ermittelt werden, in dem eine theoretische Grundlegung der Kulturwissenschaften ausgearbeitet wurde. Darüber hinaus sollen die Schwerpunkte des deutsch-russischen Ideentransfers untersucht werden, der im Rahmen dieser Diskussionen erfolgt.

Darüber hinaus soll aufgrund der bereits vorhandenen sowie der neu zu erschließenden Quellen untersucht werden, wie sich der entwickelte Neuansatz Špets und seines Kreises auf die Praxis und Organisation der Forschung an der GAChN auswirkt, d.h. wie er die Auswahl der Themenschwerpunkte und die methodischen Verfahren in den einzelnen Kulturwissenschaften beeinflusst. Eine wichtige Rolle kommt in diesem Kontext den Diskussionen über die Grenzen einzelner kulturwissenschaftlicher Disziplinen zu, die das Problem des Wissenschaftscharakters der Kulturwissenschaften in den Fokus der philosophischen Reflexion rücken. Nicht zuletzt soll dabei auch das integrative Potential des hermeneutisch-semiotischen Ansatzes sichtbar gemacht werden, da viele Bemühungen von Špet als Wissenschaftsorganisator auf die Erarbeitung der Grundlagen für eine Zusammenarbeit der natur- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen abzielten, die an der GAChN im Rahmen der psychophysischen, soziologischen und philosophischen Abteilungen institutionalisiert waren. Der Gedanke einer Integration von Psychologie, Natur- und Kulturwissenschaften in der Kulturforschung stellt eine wichtige Innovation im Wissenschaftsverständnis und der Wissenschaftsorganisation dar, die auch für die gegenwärtigen Debatten um die gesellschaftliche und epistemische Funktion der Kulturwissenschaften ein fruchtbares theoretisches Potential enthält.

Schließlich soll analysiert werden, welche (erwarteten und faktischen) Auswirkungen von den ausgearbeiteten theoretischen Konzepten einer Grundlegung der Kulturwissenschaften hinsichtlich des Verhältnisses von Wissenschaft und Kulturpolitik ausgegangen sind. Angesichts der Gratwanderung, die die GAChN als eine offizielle Einrichtung der bolschewistischen Kulturpolitik einerseits und als eine Institution autonomer Forschung und künstlerischer Praxis andererseits machen musste, ist die Erschließung dieses Verhältnisses von besonderer Brisanz. Denn es stellt sich aufgrund der kurzen und dennoch ertragreichen Geschichte der GAChN die Frage, ob sie nur als ein von den Machthabern zeitweilig geduldetes ‚Reservat für die Intellektuellen' bestehen konnte, oder ob sie tatsächlich jenen Aufbruch in eine ‚neue synthetische Kultur' bedeutet, den sich G. Špet von der Tätigkeit der Akademie versprochen hatte.

 

 

 

 
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